Inklusion in Kindertagesstätten

Der Bezirkselternausschuss Kindertagesstätten (BEAK) ist ein Gremium der Elternvertreter und -vertreterinnen der Kitas im Bezirk und tagt ungefähr alle zwei Monate öffentlich, meist im Rathaus. Vor vielen, vielen Jahren war ich da auch einmal Mitglied und je nach Thema sind die Sitzungen auch für nicht dahin delegierte Eltern, Großeltern, Fachkräfte und sonstige Interessierte für einen Besuch zu empfehlen.

Diesmal war das Thema „Inklusion – Erfolgsgeschichte oder Mogelpackung?“ angekündigt und es kamen mehrere Experten, darunter auch der bezirkliche Behindertenbeauftragte, Herr Friedrich. Da die folgenden Informationen vermutlich nur Wenigen bekannt sein dürften, teile ich sie hier etwas detailliert.

In einer kleinen Einführung erfuhren wir:

  • die Unterschiede von Integration und Inklusion,
  • dass Inklusion von der UN-Behindertenrechtskonvention gefordert wird,
  • dass der Integrationsstatus von Eltern (in Charlottenburg-Wilmersdorf von Eltern und der Kita gemeinsam) beim Jugendgesundheitsdienst beantragt werden kann und vom Jugendamt bewilligt wird,
  • dass dieser besondere Förderung durch geschultes Personal ermöglicht:
    erhöhter Förderbedarf = 10 Stunden zusätzliche Betreuung pro Woche,
    wesentlich erhöhter Förderbedarf = 20 Stunden zusätzliche Betreuung pro Woche,
  • dass diese Förderung nicht nur „am Kind“ erfolgt, sondern zur Inklusion gedacht ist und einschließlich Vorbereitungszeit, Kontakt zu Eltern und Behörden, Förderplanerstellung, ….  berechnet wird, was in der Praxis schwer umsetzbar ist, auch weil Erziehe_innen meist nicht nur für ein oder zwei Kinder zuständig sind, sondern auch für dem allgemeinen Betrieb zur Verfügung stehen,
  • dass Frau Schmitt-Schmelz selbst Integrationserzieherin war und sich folglich auskennt,
  • dass die Integrationserzieher_innen viele (theoretische) Aufgaben haben, deren Wahrnehmung selten realistisch möglich ist.

Gastbeiträge von Experten:

Stephanie Krause und Nina Markowski, Facherzieherinnen für Integration der Evangelischen Kita Plötzensee:

berichten aus der Praxis. Es macht einen großen Unterschiede, ob Kinder mit sozial-emotionalen Störungen oder beispielsweise Mobilitätseinschränkung zu betreuen sind. Dagegen zeigt es sich als weniger bedeutend, ob die Erziehung in offenem Kitakonzept oder in geschlossenen Gruppen oder gemischt erfolgt.
Das Berliner Bildungskonzept hat noch Verbesserungsbedarf, gerade da, wo Theorie und Praxis schwer vereinbar sind.

Rebecca Stahl, pädagogische Sachberarbeiterin, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf – Kindertagespflegestellen:

beschreibt die rechtlichen Voraussetzungen.
Im Bezirk gab es 2016 Neu- und Verlängerungsanträge zu erhöhtem Förderbedarf: 308, zu wesentlich erhöhtem Förderbedarf: 50. Die Mehrzahl davon betraf Entwicklungsverzögerungen. Die Zahlen zeigen ansteigende Tendenz, vermutlich weil der Integrationsstatus langsam bekannter wird. Warum Charlottenburg-Wilmersdorf im Vergleich zu anderen Bezirken am Ende der Statistik liegt, ist unklar.

Die Erzieherinnen sehen täglich, was nötig und möglich wäre und leiden oft unter schlechtem Gewissen, wenn sich nicht alles umsetzen lässt.

Andrea Janke, Physiotherapeutin, Kinder und Jugendambulanz/Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) Charlottenburg-Wilmersdorf:

Es gibt in jedem Bezirk SPZ. Aufgrund des überall verbreiteten Personalmangels und fehlender Finanzmittel, können viele Bezirke schon keine mobile Arbeit mehr leisten. Charlottenburg-Wilmersdorf schafft es gerade noch. Dies bedeutet allerdings immer weniger Möglichkeiten für Frühförderung und Inklusion.
Da gleichzeitig der Bedarf steigt, geht es hier um ein politisches Problem.

In den Schulen ist die Lage noch schwieriger. Derzeit besteht ein  Aufnahmestopp für neue Fälle beim SPZ.

Die Stadträtin und Frau Stahl bieten Unterstützung des SPZ an und bitten, dass sich an sie gewendet wird. Sinnvoll wäre auch die Einbeziehung des BEAK

Stadträtin Schmitt-Schmelz:

Derzeit besteht ein Programm für drei Jahre, Sozialassistenten (mit Pflicht zur Zusatzausbildung) statt Erzieherinnen einzustellen, was kritisiert wird: Qualitätssenkung, schwammige Formulierungen im Gesetz. Bisher war es schon möglich Sozialassistentinnen als Zeitarbeitskräfte einzustellen. Frau Schmitt-Schmelz sieht dies mit Bauchschmerzen und betrachtet es bestenfalls als Hilfsbrücke.

Herr Friedrich:

ist Vielen bislang unbekannt und stellt sich vor. Er ist seit 7 Jahren im Bezirk angestellt, ist in seiner Position fachlich unabhängig, hat aber leider auch keine Weisungsbefugnis. Er kann nicht alle gewünschten Aufgaben ausreichend wahrnehmen, weil da er kein Büro hat. (Dazu hatten wir in der vergangenen Wahlperiode einen Antrag gestellt, da wir es unmöglich fanden, dass ausgerechnet der Beauftragte für Menschen mit Behinderungen schlechter ausgestattet ist als andere bezirkliche Beauftragte. Dass Herr Friedrich, weiterhin noch nicht einmal eine Sekretärin hat, halten wir für unerhört.)

Herr Friedrich bittet darum, sich bei Finanzierungsschwierigkeiten (z. B. beim SPZ) an den Landesbehindertenbeirat und -behindertenbeauftragten zu wenden. Er unterstützt dabei gerne.

Das Thema „Inklusive Schule“ steht derzeit auf der Agenda, Kitas wurden bis jetzt vernachlässigt. Es soll dazu ein Sonderprogramm des Bundes (?) geben, das allerdings kaum bekannt ist. Hier fehlt es am Transparenz.

Elternsicht:

Verschiedene Eltern, auch persönlich betroffene, berichten von ihren Erfahrungen und tauschen sich aus.

Eine Mutter stellt die Elterninitiative Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind vor.

Fazit:

Alle Beteiligten wissen, was gut, richtig und nötig ist und bedauern die immer wieder fehlenden Möglichkeiten. Vielleicht hat es ja genützt, dass sie miteinander ins Gespräch gekommen sind, damit gemeinsam mehr erreicht werden kann. Etwas mehr Aufmerksamkeit durch die aktuellen BVV-Fraktionen hätte die Sitzung allemal verdient, denn es gibt noch viel zu tun, um unsere Kitas auch bei der Inklusion zu unterstützen.

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